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Wohin geht unsere Nahrung?

Themenreihe »Hunger durch Globalisierung« (Teil 4) von Ursula G.T. Müller

Wohin unsere Nahrung geht, diese Frage stellt sich, wenn Schätzungen angeben, dass die Erde elf bis zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, während von den heute lebenden circa acht Milliarden über eine Milliarde hungert.

Hier einige Antworten:

  • In den Industrieländern wird etwa die Hälfte der Nahrung weggeworfen.
  • In den Entwicklungsländern verderben 50 bis 70 Prozent der erzeugten Nahrungsmittel, weil es an Transportwegen zu Märkten und an Lagerungsmöglichkeiten fehlt.
  • Ein wachsender Teil der weltweiten Getreideproduktion wird als Futtermittel verwendet, also letztlich für den Fleischkonsum aufgebraucht. Dieser hat sich in den vergangenen Jahren von 78 auf 250 Millionen Tonnen pro Jahr verdreifacht. Im Durchschnitt werden pro ErdenbürgerIn im Jahr 39 Kilogramm Fleisch gegessen, in den Industrieländern 80 kg und in Deutschland sogar 83 kg. Die meisten Masttiere fressen heute nicht mehr Gras, sondern Mais, Soja, Weizen und anderes Getreide. Die Kalorien, die bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel verloren gehen, könnten theoretisch 3,5 Milliarden Menschen ernähren.
  • Stark angestiegen ist auch die Verwendung von Getreide für Biosprit.

Zunächst erschien die Idee, Erdöl durch Bioenergie zu ersetzen als “grüner Königsweg”. Inzwischen ist aber der positive Klimaeffekt von Agrarsprit umstritten, da der Energieaufwand bei Anbau und Aufbereitung, vor allem aber die CO2-Emissionen bei der Erschließung neuer Anbauflächen durch Abholzungen den positiven Effekt im Vergleich zu Erdöl wieder aufheben, ja sogar je nach Pflanzenart übertreffen. Der Weltagrarbericht hat errechnet, dass man zwei Drittel der gesamten Ackerbauflächen der Welt brauchte, um beim heutigen Stand der Technik auch nur 20 Prozent des weltweiten Ölbedarfs zu decken. Heute haben jedoch staatliche Beimischungsvorgaben und Subventionen für die Verarbeitung von Mais und Raps für Treibstoff in Europa und Nordamerika einen regelrechten Boom ausgelöst. Für Brasilien, Malaysia und Indonesien wurden Zuckerrohr und Palmöl viel versprechende Exportgüter. Afrikas ungenutzte Agrarflächen gelten manchen als gelobtes Land der Produktion nachwachsender Treibstoffe. Stattdessen gilt es, auf lokale Biogasanlagen für die Stromproduktion, sowie auf Kleinanlagen für Windkraft und Sonnenenergie zu setzen.

Was ist angesichts dieser Situation notwendig?

Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass wir den in der eigenen Region erzeugten Lebensmitteln Priorität einräumen müssen, um lange Transportwege zu vermeiden. Kampagnen für „lokales Essen”,haben Bewusstsein für die Bedeutung dieser Produkte erzeugt, die soziale Kooperation wiederbelebt und zudem die allgemeine Gesundheitslage verbessert. Ganz besonders erfreulich ist, dass Spitzenköche die reiche Tradition der einfachen, regionalen Küche entdeckt haben. Die Ergebnisse des Welternährungsberichts lassen zudem nur den Schluss zu, als einen der dringendsten und effektivsten Schritte zur Sicherung der Ernährung den Fleisch- und Milchverbrauch in den Industrieländern zu reduzieren.

Notwendig ist auch die Förderung kleinbäuerlicher Betriebe. Vielleicht verblüfft es zu lesen, wie produktiv diese sind: Sie erwirtschaften auf weniger Fläche und mit weniger Kapital dafür mit mehr Arbeitskräften höhere Erträge als große industriell arbeitende Unternehmen mittels Monokulturen. Eine bemerkenswerte Anzahl von empirischen Studien zeigt, dass mit steigender Größe der Farm deren Produktivität zurückgeht und zwar nicht nur in den Entwicklungsländern mit ihrem größeren Angebot an billigen Arbeitskräften. Sogar in den USA hat man festgestellt, dass die kleinsten Betriebe mehr als hundertmal effizienter arbeiten als die größten. Die größere Effizienz gründet vor allem auf arbeitsintensiven Anbaumethoden, die das Land optimal nutzen.

Die Zukunft liegt auch in nachhaltigen Anbaumethoden. Eine der größten Studien aller Zeiten hat festgestellt, dass Kleinbauern ihre Ernteerträge um 79 Prozent steigern konnten, indem sie einfache, nachhaltige und umweltverträgliche Anbaumethoden wie Fruchtwechsel und organische Landwirtschaft einführten. So waren sie in der Lage, den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden zu verringern, die Fruchtbarkeit der Böden zu erhalten oder sogar zu verbessern, sowie Wasser und Land effizienter zu nutzen.

Aber auch die internationale Finanzwirtschaft muss sich ändern. Sehr zu Recht war in jüngerer Zeit die Rede davon, Spekulationen mit Nahrungsmitteln zu verbieten. Denn der steile Preisanstieg von Getreide innerhalb von zehn Monaten in 2008 und der noch schnellere Rückgang der Preise lassen sich nur durch Spekulation erklären. Die Weltbank prognostizierte daher eine Zunahme der Armut als Folge der Lebensmittelpreissteigerungen und schätzt, dass dadurch bis zu 105 Millionen Menschen in Armut geraten. Als Folge kam es ab 2008 weltweit zu Hungerrevolten. Im Jahr 2010 demonstrierten Menschen in Ägypten, Serbien und Pakistan gegen die Weizenpreise, in Indien hatte es Ende 2009 gewaltige Demonstrationen gegeben.

Auch an der globalen Politik muss sich etwas ändern, sollen Hunger und Armut wirksam bekämpft werden. Dafür sind grundlegende politische Reformen in Bereichen wie Handel und Wirtschaftsentwicklung erforderlich. Industrieländer und multinationale Konzerne müssten daran arbeiten, Umweltfolgen und soziale Verwerfungen der Globalisierung anzugehen. Ob Industriestaaten, aber auch kreditgebende internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfond und die Weltbank umdenken und nicht länger verlangen, dass Entwicklungsländer für den Export produzieren, sondern kleine bäuerliche Betriebe, nachhaltiges Wirtschaften und Produzieren in erster Linie für die eigene Region unterstützen, ist eine offene Frage. Dass die Weltbank den Welternährungsbericht in Auftrag gab, mit dem Ziel herauszufinden, wo sinnvoll zu investieren sei, scheint ein positives Zeichen.

Eine solche politische Wende, so heißt es dort, brächte Vorteile für die Armen und besonders für Frauen. Frauen werden ausdrücklich genannt, denn wo Frauen und Mädchen als zunehmend gleichberechtigte Trägerinnen einer nicht in erster Linie auf Export- und Massenproduktion, sondern auf örtliche Versorgung und Marktentwicklung ausgerichteten kleinbäuerlichen Landwirtschaft und Regionalentwicklung ausgebildet und handlungsfähig werden, steigen die Chancen der Überwindung von Hunger und Verelendung überproportional. Eine Förderung von Frauen und deren Fortbildung in Richtung auf eine nachhaltige, lokale Produktion und eine Abkehr von industrialisierter Landwirtschaft unter globalen Handelsbedingungen hätten daher weit reichende Auswirkungen.

Vielleicht hatten die DesignerInnen des Aufklebers “Power to the Bauer”, mit dem die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft wirbt, dies im Sinn, als sie ein Logo entwarfen, auf dem ein weibliches Tier vorprescht, auf seinem Rücken die nicht minder unternehmungslustige Bäuerin und erst hinter ihr der Bauer.

www.ursula-gt-mueller.de

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