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Cycle Generation – Abenteuer Klimaschutz in Afrika –

Ein Reisebericht von Ragna Schmidt-Haupt und Amiram Roth-Deblon zum Thema Umweltschutz

Wir waren so nah an den Elefanten, dass wir einzelne Furchen in der grauen Haut der Leitkuh erkennen konnten. Die Ohren des riesigen Tieres bewegten sich unruhig hin und her, während die kleinen Augen uns fixiert hielten.
Ich erinnerte mich in diesem Moment daran, dass Elefanten bis zu 40 Stundenkilometer schnell laufen können. Deutlich schneller also, als wir mit unseren schwer beladenen Rädern auf der sandigen Piste sein würden. Kein beruhigender Gedanke in diesem Moment. Angespannt warteten wir also darauf, dass die Herde weiterziehen würde.
Die imposanten Tiere hatten aber offenbar keine Eile und zogen immer neue äste eines Akazienbaumes zu sich herunter, um deren Blätter verspeisen zu können.
Deutlich näher an uns stießen dann weitere Tiere aus dem dichten Busch zu der Herde hinzu, und wir blickten immer wieder nach links und rechts, in der Erwartung, dass plötzlich direkt neben uns ein Elefant auftauchen würde.
So würden wir nicht an den urzeitlichen Riesen vorbeifahren können. Amiram und ich entschieden uns dann ein gutes Stück zurück zu fahren.
Im Sichtschutz einer Kurve warteten wir ab, um von dort die Tiere zu beobachten. Nach endlos erscheinendem Warten, ich kann heute nicht mehr sagen ob es fünf oder 30 Minuten waren, fuhr ein kleines Motorrad von hinten auf uns zu. Wir schilderten dem lokalen Fahrer und seinem westlichen Fahrgast die Situation.
Der Fahrer stieg ab und verschaffte sich zu Fuß ein Bild der Lage. Zurück bei uns schlug er dann vor, dass wir mit ihm die Flucht nach vorn antreten sollten. Die Ablenkung durch das vorbeifahrende Motorrad sollte uns Zeit geben, an den Elefanten vorbei zu radeln.
Mit etwas flauem Magen vertrauten wir auf die Erfahrung des Motorradfahrers und entschieden uns den Versuch zu wagen. Gesagt getan. Wir radelten also hinter der Kurve in Richtung Elefanten. Jetzt waren nur noch ein bis zwei Tiere von der Piste aus zu sehen. Als wir dann den Akazienbaum erreichten, sahen wir den Rest der Herde links von uns zwischen den meterhohen Büschen und Bäumen stehen.
Wir traten umso kräftiger in die Pedale und hofften auf den Erfolg der Ablenkung. Das Motorrad blieb jetzt stehen und der immense Kopf der Leitkuh fixierte das knatternde Gefährt während wir vorbeifuhren. Zu unserem Glück blieben die Tiere stehen, als wir schwitzend und keuchend in die Pedale traten.
Der Abstand zwischen uns und den grauen Riesen wurde jetzt mit jeder Radumdrehung größer.
Als der Motorradfahrer uns dann ohne Elefanten im Schlepptau folgte, war klar, dass wir und die Elefanten wieder eigene Wege gehen konnten.”

Solche Erfahrungen waren zwar nicht alltäglich, gehören aber zu den vielen Erlebnissen, die Amiram und Ragna nach 14 Monaten auf dem Fahrrad aus Ost- und Südafrika mitgebracht haben.

Die Idee zu der Tour war so einfach wie ambitioniert. Mit dem Fahrrad von äthiopien nach Südafrika als Klimaschutzkampagne. Das Ganze sollte vor dem großen Klimagipfel im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfinden. Die Cycle Generation – Abenteuer Klimaschutz, das hieß für Ragna Schmidt-Haupt und Amiram Roth-Deblon 11000 Kilometer auf dem Rad durch zwölf afrikanische Länder, um international über erfolgreiche Klimaschutzprojekte zu berichten. Nach etwas mehr als einem Jahr Planung und nachdem beide ihre Jobs in der Solarindustrie in Singapur gekündigt hatten, waren die Räder samt Ausrüstung gepackt und Ragna und Amiram startbereit. Im April 2008 konnte die Cycle Generation dann also zum Abenteuer Klimaschutz starten.

“Unser Abenteuer soll den Menschen in Europa den Klimaschutz greifbarer machen, deshalb beleuchten wir mit der Cycle Generation die Herausforderungen und zeigen konkrete umsetzbare Klimalösungen”, erläutert Ragna. Amiram fügt hinzu: “Dabei konzentrieren wir uns auf die drei Bereiche mit den größten Kohlendioxidemissionen und zeigen Alternativen.” Damit sind Energie – Erneuerbare Energien (Solar, Wind, kleine Wasserkraft) –, Mobilität – Fahrradverkehr & öffentliche Verkehrsysteme – und ökologie (Waldschutz und Aufforstung) gemeint.

Als offizieller Partner der Billion Tree Campaign des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP hatten sie sich vorgenommen, in jedem Land zehn indigene (einheimische) Bäume zu pflanzen. Außerdem wollten sie als Akfrikabotschafter der Jugendkampagne kidscall des World Future Council jungen Afrikanern eine Plattform bieten, ihre Klimaschutzbotschaften zu formulieren. Die kidscall Kampagne hatte sich zum Ziel gesetzt, Botschaften und Forderungen von Jugendlichen aus aller Welt für den Klimaschutz zu sammeln. Die Videos, Briefe, Bilder und Gedichte sollten in einer Ausstellung auf dem G8+5 Gipfel im Juli 2008 in Japan den internationalen Entscheidungsträgern präsentiert werden.

Ragna berichtet: beide Partnerschaften waren ideologischer Natur, das heißt die Finanzierung des Projektes kam zu 100 Prozent aus den Ersparnissen des Paares. Zusätzlich hatten wir uns ein klimafreundliches CO2 Budget von maximal 1,2 Tonnen pro Person pro Jahr gesetzt und wollten vorleben, was mit geringen Mitteln möglich ist.

So warteten jede Menge Jugend-Workshops, Baumpflanzaktionen sowie Solarenergie- und Fahrrad Projekte auf uns. Wir waren begeistert, dass nach so langer Planung konkrete Aktionen stattfanden und wir viele Menschen trafen, die sich begeistert für den Klimaschutz einsetzen. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, als wir gemeinsam mit äthiopischen Jugendlichen die ersten Bäume auf afrikanischem Boden pflanzen konnten.

In Nairobi durften wir die wohl bekannteste Umwelschützerin Afrikas, Prof. Wanghari Maathai, treffen. Die Gründerin des Green Belt Movements und erste Friedensnobelpreisträgerin Afrikas setzt sich seit mehr als 20 Jahren für den Schutz von Afrikas Wäldern, deren Wiederaufforstung sowie für Frauenrechte ein.

In Uganda besuchten wir eines der schönsten Projekte der Reise, das Ruboni Comunity Development Projekt. Dort gibt es unter anderem ein ökotourismus-Angebot, das Waldschutz und Aufforstung mit der Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen verbindet. Gemeinsam mit dem Ruboni Community Development Projekt pflanzten wir auf einem ehemaligen Kassava Feld 380 Bäume. Die Setzlinge hierfür kamen aus der Baumschule der Ruboni community.

Neben mittelalterlicher Kultur in ähtiopien oder auf der Insel Sansibar in Tansania begeisterten uns insbesondere uralte Höhlengemälde der San (Buschmänner) in Lesotho. Am meisten beeindruckten uns jedoch die landschaftlichen Extreme des Kontinents und die unglaubliche Tierwelt. Senkrecht abbrechende Schluchten und tiefe Canyons wechselten sich mit imposanten Hochplateaus ab, einsame Passstrassen führten uns durch spektakuläre Gebirgslandschaften und Giraffen, Zebras oder Elefanten sahen wir mehr als einmal von dem Fahrradsattel aus. Im Rift Valley erwartete uns die klassische afrikanische Savanne, an seinen geographischen Rändern mit dornigen Büschen gespickte Wüsten und endlose Weiten. In Namibia kreiert die Natur Landschaften wie Kunstwerke, mal surreal, mal minimalistisch in Form und Farbe. An gischtgebadeten Stränden wurden wir von türkisblauen Meer und weißen Palmenstränden verwöhnt. Im Herzen Afrikas zogen uns letzte Urwälder mit uralten und mächtigen Bäumen und nebelverhangenen tropischen Regenwäldern in den Bann. Die mächtigen Victoria Fälle und der lebensspende Okavango Fluß entpuppten sich als fruchtbare Oasen für die immer noch frei lebenden Wildtierherden. In den zahlreichen Nationalparks staunten wir über die riesigen Tierherden, die so typisch für Afrika sind und die Vielfalt an endemischer Fauna und Flora.

Seit wir wieder in Deutschland sind, werden wir oft gefragt, ob es denn nicht sehr gefährlich gewesen sei, mit dem Rad durch Afrika zu reisen. Ich antworte meist schmunzelnd: “An beeindruckenden Begegnungen und Abenteuern hat es uns nicht gefehlt, aber die Gefahren in Afrika werden oft überbewertet. Mit gesundem Menschenverstand und guter Planung ist der Kontinent eine traumhafte Reisedestination, auch mit dem Fahrrad.”

Natürlich gab es auch gefährliche oder unangenehme Passagen: Mögliche Überfälle von Shiftas (bewaffnete Banditen) in Nordkenia, die haarsträubende Kriminalität in Nairobi oder Südafrika, Bürgerkriegsgebiete zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo gehörten außerdem zu den riskanteren Passagen. Mit der nötigen Vorsicht aber auch mit etwas Glück ließen wir diese Etappen allerdings unbehelligt hinter uns. Den Mosquitos der Regenzeit konnten wir allerdings nicht entkommen und eine Malariaerkrankung zehrte zeitweise sehr an unseren Kraftreserven. Die Straßenqualität ließ ebenfall mehr als einmal zu Wünschen übrig. Endlose Wellblechpisten die uns Arme und Kopf zu Pudding schüttelten, Sandpisten in denen wir zentimetertief im Sand versanken, oder Lateritschlamm der wie Zement die Reifen verklebte, waren ebenso Teil unserer Afrikatour wie Elefanten, Massai oder der Kilimanjaro. “Trotz Matsch, Hitze oder Erschöpfung, waren wir am Ende der meisten Tage glücklich und zufrieden mit uns und der Tour.”, erinnert sich Amiram lachend.

Während unserer Tour besuchten wir mehr als 30 erfolgreiche Klimaschutzprojekte und -akteure. Inhaltlich reichte das Spektrum dabei von Umweltorganisationen, über Energieexperten, Regierungsvertreter bis zu Friedensorganisationen, Schulen oder Tourismusanbietern. Wir waren und sind beeindruckt von dem Enthusiasmus mit dem die Menschen vor Ort nachhaltige Entwicklung praktizieren, und das oft aus eigener Tasche und ohne internationale Gelder. Viele unserer Erfahrungen stehen in starkem Kontrast zu all den negativen Nachrichten, die wir über den Kontinent aufgetischt bekommen.

Vom Hafen am Tafelberg in Kapstadt legten wir dann wehmütig im Juni 2009 auf einem fast 180m langen Containerschiff ab. Das Schiff sollte uns klimafreundlich in 16-22 Tagen nach Antwerpen, Belgien bringen.

Auf die Frage was denn der einzelne in Europa tun könne, haben wir dutzende Antworten. “Eine Solaranlage installieren, die entweder Strom oder warmes Wasser produziert, das Haus dämmen, auf Bus und Bahn umsteigen, mit dem Rad fahren, zu einem ökostromanbieter wechseln, sich vegetarisch oder sogar vegan ernähren. Wenn man nicht auf ein Auto verzichten kann, dann möglichst ein Elektro- oder Hybridauto fahren. Und das Beste: In Deutschland rechnen sich die meisten Dinge. ökostrom ist teilweise günstiger als Standardtarife, eine Solarstromanlage wirft sichere Renditen ab und die Wärmedämmung spart Heizkosten. Wichtig ist jetzt, konsequent in Sachen Klimaschutz voran zu gehen. Das hat uns in Deutschland hundertausende zukunftsfähige Jobs, beispielsweise in den Erneuerbaren Energien, gebracht. Ausserdem kann man Waldschutz und Umweltorganisationen finanziell unterstützen. Wir sammeln zum Beispiel Spenden, die direkt in afrikanische Aufforstungs- und Waldschutzprojekte fließen”.

Und wie ging es für Amiram und mich weiter? Wir sind zurück in der Solarindustrie, dort gibt es jede Menge spannende Aufgaben. Seit September 2009 leben wir in Mainz und arbeiten in Wörrstadt und Frankfurt daran, die Solarenergie vorwärts zu bringen”. “Radfahrend der Sonne entgegen”, ergänzt Amiram schmunzelnd.

Mehr über das Projekt, Veranstaltungen und die Möglichkeit, online zu spenden unter www.cycle- generation.org

Ragna Schmidt-Haupt

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