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MATHILDE

Rezension:

Am Feuer der Schamanin

Schamanismus und Russland - das hatte ich bisher nicht in Zusammenhang gebracht. Die Autorin Cambra Skadé hat zwei intensive Sommer im Altaigebirge in Sibirien verbracht - sieben Flugstunden und zwei Tage Autofahrt von hier. Sie war auf den Spuren von weisen Frauen.

Sie lernte Bräuche, Rituale, Menschen, Weltbilder, Pflanzen, Wildpferde, Gesänge und Instrumente kennen. Vor allem die Erfahrungen mit verschiedenen Schamaninnen und einem Schamanen waren zentrale Stationen ihrer Reise.

Die Schwere, die Bürde, die Verantwortung der SchamanInnen auf ihren Wegen vermittelt sie eindrucksvoll. Bewegende Begegnung mit diesen weisen, alten Frauen, die während der UDSSR ihre Rituale nur im Geheimen praktizieren konnten. Sie entdeckte würdevolles Alter in den Gesichtern dieser Frauen und Männer. Die Würde des Alters vermittelt sie auch durch die Fotos auf denen diese Frauen in rituellen Gewändern zu sehen sind. Mein Bild von SchamanInnen erweitert sich. Sie schreibt es nicht wirklich, doch mir wird deutlicher: Schamaninnen sind Priesterinnen von Naturreligionen.

Es ist vor allem ein Bericht über eine innere Reise, über Emotionen, Häutungen, Veränderungen, Prozesse und Lebendigkeit. Bedeutend sind Naturkräfte, Erde, Steine, Feuer, Wasser und immer wieder Begegnungen mit dem Fluss Katun. Sie reist nicht nur zu den SchamanInnen sondern auch mit ihnen auf Berge, in abgelegene Täler und Steppen. Sie watet durch Tränenmeere, lässt es sich gut gehen, lacht und feiert in diesen Gemeinschaften. All-eins-sein, AhnInnenkraft, Geschenke, Hingabe, Egoopfer und Mut sind weitere zentrale Themen.

In der nahezu konsequent weiblichen Sprache finde ich mich als Leserin mit meinem feministischen Bewusstsein wieder. Der rote Faden bleibt bei weiblichen Bezugspersonen, Erfahrungen, Begegnungen und nährt meine Suche nach Anbindung an altes und weibliches Wissen. Die Beschreibungen einer »Sternenliebe« lassen lesbische Liebe erahnen. Oder war es ein Traum?

Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, Fotos von Menschen (vorwiegend von alten Frauen), Tieren und Pflanzen, Ritualgegenständen und Räumen, rituellen Geschehnissen, Gesichtern die Geschichten erzählen, sind markant. Die Zeichnungen und Malereien der Autorin ziehen sich auch über die Fotos und machen sie mystischer, brechen den zweidimensionalen Raum auf, führen in die Tiefe, weisen optisch auf den Erfahrungsraum, Gefühlsbereich und Weltenraum dahinter. Kunst als magischer Akt – diese Vermittlung gelingt ihr. Das Buch ist für mich ein künstlerischer Leckerbissen!

Helma Eller

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