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MATHILDE

Das Bild zeigt meine ältere Schwester und mich beim Lernen in Griechenland ca. 1966 – und die Puppe ist ein Geschenk von meinen Vater; er hatte sie beim Heinerfest bei einer Lotterie gewonnen.

»Endlich angekommen!«

Fotos: Angeliki Liakidis

Verschlungener Bildungspfad ... oder der indirekte Weg zum Ziel

»Wie ist das für Euch, jetzt im Rentenalter wieder nach Griechenland zurückzukehren und dort Euren Lebensabend zu genießen?« fragte ich meine Eltern im Jahr 1993 bei ihrem Abschied von Deutschland nach 32 Jahren. Und sie meinten, dass sie das niemals gemacht hätten, wenn ihnen bewusst gewesen wäre, dass eine Rückkehr im Alter den Abschied von der Tochter (von mir) und von den Enkelkindern bedeuten würde.

Meine Eltern und ich haben oft über ihre damalige Entscheidung, in den 1960er Jahren nach Deutschland zu kommen, diskutiert. Einige Entscheidungen oder Lebensläufe – vielleicht auch mein Leben – würden anders aussehen ohne die Abhängigkeit vom Ausländergesetz. Und dies ist für viele MigrantInnen bis heute so.

Der Anwerbestopp 1973 sollte die Zuzugsbegrenzung bei den Gastarbeitern und ihre Rückkehr fördern. Doch bei vielen Familien, auch bei meinen Eltern, bewirkte es das Gegenteil. Sie entschieden sich hier zu bleiben, und so kam auch ich 1974, als damals 15jährige, nach Deutschland. Eine Rückkehr kam für meine Eltern auch aus politischen Gründen nicht in Frage: In Griechenland herrschte von 1967 bis 1974 ein Militärregime.

Zu dieser Zeit besuchte ich in Griechenland das Gymnasium und wollte nach meinem Abitur studieren, wie meine ältere Schwester. Nun sollte ich in Deutschland weiter zur Schule gehen und dort studieren oder eine Ausbildung machen. Sicherlich freute ich mich auch auf Deutschland, weil ich neugierig auf das Land war und natürlich meine Eltern vermisste.

Im Januar 1974 kam ich am Frankfurter Flughafen in Begleitung meines Vaters an. Im Gepäck mein Schulzeugnis der 8. Klasse mit einem guten Notendurchschnitt. Besonders stolz war ich auf meine Note in Französisch. Mein französisches Lehrbuch hatte ich mitgebracht.

Am nächsten Tag schon fragten mein Vater und ich wegen des Schulbesuchs in der ersten Darmstädter Schule nach – ich glaube, es war die Eleonoren-Schule – aber der Rektor schob mir mein Zeugnis wieder zu, mit der Begründung, er könne mich wegen meines Alters nicht aufnehmen, und außerdem gelte mein Zeugnis in Deutschland nicht. Wir versuchten es bei anderen Schulen und bekamen überall die gleiche abschlägige Antwort.

Durch meine Mutter, die beim Studentenwerk arbeitete, bekam ich über griechische Studierende Kontakt zum SKA (Sozialkritischer Arbeitskreis). Dort erfuhr ich von den Deutschkursen eines Spracheninstituts in der Wilhelminenstraße. Ich meldete mich an, und nach einem Jahr kam ich mit meinen Deutschkenntnissen im Alltag ganz gut zurecht. Es gelang mir, ohne Hauptschulabschluss und mit einem nicht anerkannten griechischen Schulzeugnis eine Lehre als Friseurin anzufangen. Leider musste ich sie wegen einer Hautallergie nach acht Monaten abbrechen. Mittlerweile war ich volljährig und konnte – bisher im väterlichen Pass eingetragen – ein eigenständiges Aufenthaltsrecht erlangen. Unter der Bedingung, Arbeit zu finden, erhielt ich Verlängerung für ein halbes Jahr. Beim ersten Kontakt mit dem Arbeitsamt bot man mir Lehrstellen in Fleischereien oder als Bäckereiverkäuferin an. Ich lehnte ab.

Zu der Zeit war ich politisch in einer griechischen Jugendgruppe aktiv, und wir haben uns oft gegenseitig geholfen und unsere Situation thematisiert.

Ich erfuhr, dass in der Volkshochschule der Hauptschulabschluss in Abendkursen nachgeholt werden kann. Dort wurde ich zum ersten Mal nach meinen Wünschen gefragt und für meine Deutschkenntnisse gelobt! Nach einem Jahr schon schaffte ich meinen Hauptschulabschluss. Mein Deutsch war jetzt viel besser, und ich entschied mich für eine Ausbildung auf der kaufmännischen Berufsfachschule, die ich 1978 erfolgreich abschloss. Nun war ich auf der Suche nach einer Lehrstelle als Bürokauffrau. Gewappnet mit dem Nachweis des einjährigen Deutschkurses, meinem – inzwischen übersetzten – griechischen Zeugnis, meinen Kenntnissen der französischen und der englischen Sprache – erworben in der Berufsfachschule – bewarb ich mich mit einer Mitschülerin bei vielen Firmen. Meine deutsche Freundin bekam nach einiger Zeit eine Lehrstelle, ich aber erhielt nur Absagen. Mit meinen Unterlagen unter dem Arm machte ich mich persönlich auf die Suche und fragte bei einigen Firmen nach einem Ausbildungsplatz. Ein Personalleiter gab mir den Rat, es lieber mit einem technischen Beruf zu versuchen, da ich als Bürokauffrau keine Chance hätte.

Aber als Mädchen war es damals – wie zum Teil auch noch heute – schwierig, einen technischen Beruf zu ergreifen.

Durch die Verbindung eines Familienmitglieds zu einem prominenten Politiker erhielt ich nach einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch mit dessen Geschäftspartner einen Ausbildungsvertrag zur Bürokauffrau. Im September 1978 sollte ich anfangen! Leider verweigerte mir aber das Darmstädter Arbeitsamt die Arbeitserlaubnis. Es galt das »Vorrangsrecht« – es gilt bis heute bei Jugendlichen aus Drittstaaten! Freie Lehrstellen, auch solche, die auf eigene Initiative gefunden werden, müssen erst den deutschen Jugendlichen zur Verfügung stehen. Nur durch das große Engagement meiner Ausbilder wurde mir die Arbeitserlaubnis erteilt. 1980 war ich ausgebildete Bürokauffrau und konnte fast nahtlos als Buchhalterin bei einem Verlag in Darmstadt anfangen.

Inzwischen war ich verheiratet und 1982 kam meine Tochter und 1986 mein Sohn zur Welt. Zwischen 1982 und 1990 legte ich eine Familienpause ein. Natürlich war ich in diesen Jahren ehrenamtlich tätig, im griechischen Verein. Dort gründete ich mit anderen Frauen eine Frauengruppe und 1989 wurde ich von den griechischen MitbürgerInnen in den Ausländerbeirat gewählt, in dem ich von 1991 bis 1993 das Amt der Vorsitzenden innehatte.

1991 erfuhr ich aus der Zeitung von einem halbjährigen Wiedereinstiegskurs für Frauen im »Zentrum für Weiterbildung«. Der Sachbearbeiter im Arbeitsamt klärte mich darüber auf, dass ich Glück hätte, denn nur EU-Bürgerinnen könnten an dieser Maßnahme teilnehmen! Ich schloss den Kurs erfolgreich ab und bewarb mich mit Erfolg um die Stelle als Geschäftsführerin beim AStA – dem Allgemeinen StudentInnen Ausschuss der FH Darmstadt. Nach drei Jahren wollte ich mich für die Ausbildung im höheren Verwaltungsdienst in Kassel anmelden. Von der zuständigen Stelle wurde ich mit der Aussage entmutigt, die Ausbildung könne ich machen, aber als Nicht-Deutsche würde es später nicht einfach sein, im höheren Verwaltungsdienst anzukommen.

Ich habe weiter nichts unternommen, weil ich schon damals mit dem Gedanken spielte Sozialpädagogik zu studieren. 1994 stellte ich den Antrag an der Fachhochschule in Fulda, um als Quereinsteigerin beziehungsweise »besonders begabte Berufstätige« die Zulassung zum Studium der Sozialpädagogik zu bekommen. Leider wurde ich zur Eignungsprüfung nicht zugelassen mit der Begründung, mir fehlten theoretische Nachweise.

1997 wechselte ich zum Verein »Frauen helfen Frauen« im Frauenhaus des Landkreises Darmstadt-Dieburg, mit der Zuständigkeit für Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit. Nach der »Operation sichere Zukunft« von Ministerpräsident Roland Koch gründete ich mit den damaligen Frauenhauskolleginnen und zwei Pfarrern das »Aktionskomitee zur Erhaltung des Frauenhauses« Das Frauenhaus wurde vom Land Hessen ab 2004 nicht mehr finanziert. Uns ist es durch Benefizveranstaltungen und Spenden gelungen mit »Kabbaratz« und dem »Allgemeinen Pfarrerkabarett« einige tausend Euro zur Unterstützung und Erhaltung des Frauenhauses zu sammeln. Auf diesen Erfolg sind ich und meine damaligen Kolleginnen besonders stolz.

2003 nahm ich teil an der Weiterqualifizierung zur Integrationsassistentin im Bereich Migration – eine Maßnahme vom Interkulturellen Büro und der Fachhochschule Darmstadt. Nun versuchte ich es erneut, und ich konnte in Fulda die Eignungsprüfung für das Sozialpädagogikstudium ablegen. 2004 fing ich an der Ev. Fachhochschule Darmstadt zu studieren, wechselte 2006 zu Wildwasser Darmstadt und arbeite seit 2008, nachdem ich mein Diplom zur Sozialpädagogin erhalten hatte, in der Migrationsberatung beim Diakonischen Werk Rüsselsheim/Groß-Gerau. Ich biete Vorträge und Fortbildungen (z.B. »Was ist eigentlich Kultur? oder »Sind Sie fit für interkulturelle Begegnungen?«) und Interkulturelle Beratung an.

Ich engagiere mich unter anderem für den Verein »Magnolya e.V«, in dem ich seit einiger Zeit Vorstandsmitglied bin.

Meine Diplomarbeit schrieb ich, aufgrund meiner Erfahrungen, natürlich über: »Exklusionsmechanismen im Bildungswesen bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – eine Untersuchung zum Menschenrecht auf Bildung«

Angeliki Liakidis

Kontakt
Angeliki Liakidis, Tel. 06154-53435, Mail: aliakidis@aol.com

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