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Rabije kommt aus dem Kosovo. Sie hat mit ihrem italienischen Freund zwei Töchter. In ihrer kunterbunten Familie sind christliche und moslemische Religion vereint. Rabije spricht mehrere Sprachen.

Azhrakommt aus Pakistan. Ihr Vater starb, als sie ein kleines Mädchen war. Die Familie lebte deshalb in großer Armut, und Azhra konnte nicht in die Schule gehen. Mit 17 Jahren wurde sie nach Deutschland verheiratet.

Sadia kommt aus Pakistan. Nach Abschluss der Schule hat sie ihren Mann, der bereits in Deutschland lebte, geheiratet. Eine Ausbildung ist für Mädchen in Pakistan in der Regel nicht vorgesehen. Sie hat drei Kinder.

Migrantinnnen mischen mit!

Olga Zitzelsberger, Iva Kocaman und Patricia Latorre Pallares

Ergebnisse einer 2009 durchgeführten Untersuchung zu Selbstorganisationen von Migrantinnen der TU Darmstadt, Institut für Allg. Pädagogik und Berufspädagogik in Zusammenarbeit mit Ramboll Management Consulting im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

In den letzten Jahren nimmt die Gründung eigenständiger Gruppen und Vereine durch Migrantinnen (Frauen-MSOs) in deutschen Städten zu. Zu den Aktivitäten dieser Frauengruppen und –vereine gehören Informations-, Beratungs- und Bildungsarbeit für Mädchen, junge Frauen, Mütter und ältere Frauen sowie politische Aktivitäten. 2005 untersuchten wir in Darmstadt im Kontext der aktuellen Diskussion um die Integration von Migrantinnen bzw. deren Ausschluss aus zentralen gesellschaftlichen Bereichen, ob und inwieweit Selbstorganisationen die Teilnahme von Migrantinnen in verschiedenen Gebieten der Einwanderungsgesellschaft unterstützen. Dabei haben wir MSOs als Strategie zum Selfempowerment innerhalb dominanter Systeme – Mehrheitsgesellschaft und Migranten-Community – betrachtet. Wichtige Ergebnisse waren dabei, dass die MSOs Frei-Zeit bieten, und Freiräume bieten, in denen sich Frauen selbstständig bewegen und Bildungsangebote in Anspruch nehmen können. Durch die Bildungsarbeit erlangen die Frauen Fachwissen, Sprachkenntnisse und Kompetenzen und entwickeln dadurch Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein im Umgang mit Vertreterinnen und Vertretern sowie Institutionen der Mehrheitsgesellschaft. Dieses Selbstbewusstsein wird verstärkt durch die Erfahrung von praktizierter Solidarität und Wertschätzung in der Gemeinschaft der Migrantinnen, die dabei zu einem Motor für eine gleichberechtigte Teilhabe ihrer Mitglieder innerhalb der bundesdeutschen Zivilgesellschaft werden. s.Fußnote

Wie kommst es zur Gründung von Frauen-MSOs?

Die Bildung von Migranten-Communities gehört zur Normalität jedes Einwanderungsprozesses. Diese Gruppierungen sind sehr unterschiedlich und differenzieren sich u.a. nach sozial-strukturellen, regionalen, ideologisch- politischen, religiösen, geschlechts- und generationsspezifischen Merkmalen. Zu den Strukturelementen von Migranten-Communities zählen Verwandtschaft, ethnische Vereine, religiöse Gemeinden, politische Organisationen, informelle Netze und Treffpunkte, ethnische Medien und die ethnische Ökonomie.

Betrachtet man Frauen-MSOs unter einer gesamtgesellschaftlichen Genderperspektive lässt sich festhalten, dass diese sich zunächst von zwei dominanten Systemen - Mehrheitsgesellschaft und Migranten-Community – abgrenzen müssen. Dabei kommt es sowohl zu Brechungen gegenüber den geschlechtergemischten MSOs als auch gegen Fraueninstitutionen der Mehrheitsgesellschaft. Frauen-MSOs übernehmen eine Schutzfunktion gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und den geschlechtskonformen Rollenerwartungen der eigenen Community. Hier schaffen sich Migrantinnen die Freiräume, um sich mit ihren Themen und Interessen nach ihren eigenen Vorlieben und Strategien zu beschäftigen.

Gleichwohl wird auch hier die strukturierende Kraft des Geschlechts nur zum Teil außer Kraft gesetzt, da alle Beteiligten selbst gesellschaftliche Zuschreibungen in sich tragen und diese auch in geschlechtshomogenen Gruppen reproduzieren. Grenzen und Barrieren eigener geschlechtlicher Verortungen können in diesen Gruppen jedoch leichter als solche reflektiert und überwunden werden. Durch die Setzung von »Geschlecht« als Auswahlkriterium für die Teilhabe an Gruppen werden Frauen Freiräume eröffnet, die es ihnen ermöglichen ihre Themen, Interessen, Vorlieben und Strategien zu zulassen und einzufordern. Frauengruppen ermöglichen eine Selbstverortung innerhalb gesellschaftlicher Organisationsstrukturen ohne Rücksicht auf die Einbindung in geschlechtskonforme Rollenerwartungen und Ordnungssysteme. Daraus resultieren Ambitionen bezüglich gleichberechtigter Partizipation an gesellschaftlichen Ressourcen und Entfaltungsmöglichkeiten. Solange diese Gesellschaft durch Herrschaftsverhältnisse gekennzeichnet ist, bei der »Geschlecht« als Platzanweiser fungiert, erscheint es folgerichtig, einen Ort zu institutionalisieren, an dem diese Verhältnisse in ihrer Wirkmächtigkeit abgemildert sind. Frauengruppen und –vereine waren und sind ein möglicher Ort.

»Damit sie [die Frauen, O.Z.] erstklassig behandelt werden, müssen sie nach den Bedingungen der patriarchal existierenden Gesellschaft separate, unmittelbar freie Institutionen zur Verfügung haben, in denen sie sich frei von Geschlechterhierarchien entwickeln können: nach ihren Bedürfnissen und in der ganzen Breite ihrer Bildungsmöglichkeiten und zu ihren Bedingungen.« (Schlüter 1992, 334).

Die Gemeinsamkeit der Geschlechtszugehörigkeit wird gebrochen durch den Migrationshintergrund. Migrantinnen fanden und finden keinen bzw. wenig Zugang zu den Fraueneinrichtungen der Mehrheitsgesellschaft, denn als heimliches Kriterium für den Zugang zu Gruppen, Räumen und Ressourcen wird weithin die deutsche Nationalität und Kultur vorausgesetzt bzw. wahrgenommen. Der Aufbau eigener Frauengruppierungen – als Gegenentwurf zu den geschlechtlich gemischten MSOs ebenso wie zu den Fraueneinrichtungen der Mehrheitsgesellschaft – ist auch eine Konsequenz fehlender Entfaltungsmöglichkeiten in diesen bestehenden Organisationen.

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend haben wir gemeinsam mit Rambøll Management Consulting im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2009 Frauen-MSOs in Deutschland unter die Lupe genommen. Wie bereits in der Darmstädter Untersuchung waren auch bundesweit fehlende Angebote für Migrantinnen ein wesentlicher Grund für die Gründung von Frauen MSOs. Als Hilfe zur Selbsthilfe bezeichneten die interviewten Migrantinnen ihr Engagement, da Angebote der Mehrheitsgesellschaft zu selten den spezifischen Bedürfnissen von Frauen mit Migrationshintergrund gerecht werden. In ihren eigenen MSOs kämen die Frauen aus ihrem teilweise sehr engen familiären Umfeld heraus, die Selbstständigkeit der Migrantinnen könne gefördert werden. Kontakt mit anderen Migrantinnen (51 %), Übernahme von Verantwortung für Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen (46 %) und politische Interessensvertretung (48 %) für die Anliegen von Migrantinnen waren wesentliche Aspekte für die Gründung.

Die geringe Anzahl der Nennung der Selbständigkeit gegenüber Frauen ohne Migrationshintergrund (13%) kann dadurch erklärt werden, dass sich viele Frauen-MSOs von Anfang an als Migrantinnen organisiert haben. Die Gesprächspartnerinnen betonten in den Interviews verschiedentlich, dass sie sich bewusst ausschließlich innerhalb von Frauen mit Migrationshintergrund organisiert hätten aufgrund von Erfahrungen, dass sie von deutschen Frauen bevormundet und/oder instrumentalisiert wurden.

Die Frauen-MSOs werden überwiegend von zugewanderten Flüchtlingsfrauen und Aussiedlerinnen und weniger von Vertreterinnen der ehemaligen Anwerbeländer gegründet. Die Gründerinnen haben meist eine höhere Schulbildung bzw. einen Hochschulabschluss. Die Anerkennung und Förderung von MSOs eröffnet die Chance die öffentlichen und wissenschaftlichen Darstellungen der Migrantinnen und ihrer Selbstorganisationen mit neuen und vielschichtigen Bildern zu besetzen. Positive und emanzipatorische Aspekte von individuellen Handlungspotentialen der Migrantinnen können dabei als Anfang begriffen werden. Migrantinnen sind wie die gesamte Bevölkerung sehr heterogen. Sie sind unterschiedlich eingebunden in Diskurse, Lebensweisen und Institutionen und leben wie allen anderen Menschen in unterschiedlichen sozialen Millieus. (vgl. Bednarz-Braun 2004). Möglichkeiten zur Migration und zur Integration in die Gesellschaft sind abhängig von familiären und sozialen Kontexten sowie Netzwerken. Migrantinnen mit ihren Ressourcen und Handlungskompetenzen sind dabei zentral für den Integrationsprozess der gesamten Familie.

»Mit steigendem Bildungsniveau, der Beteiligung am Erwerbsleben, der Aufenthaltsdauer und den Deutschkenntnissen nimmt der Einfluss von Frauen auf die Familie betreffenden Entscheidungen und auf das Ausmaß der Kooperation zwischen den Ehepartnern insgesamt deutlich zu« (Sechster Familienbericht 2000, zitiert nach Westphal 2004, 2).

Mit welchen Institutionen arbeiten die Frauen-MSOs zusammen?

Bislang ist es den Frauen-MSOs nicht gelungen, in die Mitte gesellschaftlicher Institutionen vorzudringen. Sie arbeiten vor allem mit Kooperationspartnern aus dem Migrationsbereich zusammen, insbesondere zu (halb-)staatlichen bzw. staatlich finanzierten Stellen der Migrationsarbeit.

Wenige Kontakte bestehen zu frauenspezifischen Einrichtungen. Die Initiative für eine Kooperation geht in der Mehrheit von den Frauen-MSOs aus. Nur in etwa 1/5 der Fälle kam der Kooperationspartner auf die MSO zu. In einem weiten Fünftel kam der Anstoß zur Zusammenarbeit durch ein Kennenlernen bei einer Veranstaltung zustande.

In den Interviews wurde auf Form und Inhalt der Kooperationen eingegangen. Frauen-MSOs erbringen beispielsweise Beratungsleistungen für andere Akteure, da sie die sprachlichen Kompetenzen und den Zugang zur Zielgruppe haben. Frauen-MSOs arbeiten in der Regel ehrenamtlich, während andere Akteure hierfür Geld erhielten, z.B. in der Familienberatung. Migrantinnen äußerten ihr Gefühl, dass häufig keine Kooperationen auf Augenhöhe stattfänden. So würden Migrantinnen zwar gerne als Expertinnen im Vorfeld von politischen Entscheidungsträgern befragt, in weitere Entscheidungsprozesse dann aber nicht einbezogen.

Frauen-MSOs wollen mehr Kontakte und Kooperationen auf Augenhöhe!

Frauen-MSO wollen mit Einrichtungen der Mehrheitsgesellschaft und hier insbesondere auch mit Frauen bzw. deren Organisationen kooperieren und zwar nicht nur bei migrationsspezifischen Themen. Um tatsächlich eine (interkulturelle) Öffnung der Mehrheitsgesellschaft anzustoßen, könnte auf kommunaler bzw. regionaler Ebene aktiv ein verstärkter Kontakt von Institutionen mit den Frauen-MSOs gesucht werden. Ergänzend könnte beispielsweise die Wissenschaftsstadt Darmstadt einen »Förderpreis Interkulturelle Öffnung« ausschreiben, wofür sich Kooperationen von einheimischen Einrichtungen mit Frauen-MSOs bewerben könnten, wenn sie in einem allgemein frauenspezifischen Bereich wie bspw. Bildung oder Qualifizierung zusammenarbeiten. Hinsichtlich der Wahrnehmung von MSOs innerhalb der Zusammenarbeit wäre es zudem wichtig, auch auf politischer Ebene ernst genommen und entsprechend auch in die Umsetzung politischer Vorhaben eingebunden zu werden.

Lasst es uns gemeinsam angehen!

Fußnote
Latorre Pallares, Patricia / Zitzelsberger, Olga (2006):
Selbstorganisationen von Migrantinnen – ihre Bedeutung für die Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft. Darmstadt. Projektbericht.

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